Warum beide Seiten ein bisschen recht haben – und trotzdem am Thema vorbeigehen

Kaum ein Thema wird unter Pilzsammlern so regelmäßig diskutiert wie diese Frage.

Die einen sagen:
„Nur abschneiden! Dann kann der Pilz weiterwachsen. Rausdrehen schädigt das Myzel.“

Die anderen sagen:
„Auf keinen Fall abschneiden. Man muss ihn rausdrehen.“

Wenn du diese Diskussion schon mal verfolgt hast, merkst du schnell:
Beide Seiten wollen eigentlich das Gleiche – nichts kaputt machen.

Und genau deshalb lohnt sich ein ruhiger Blick auf die Fakten.


Was passiert eigentlich im Boden?

Der sichtbare Pilz ist nur der Fruchtkörper.
Der eigentliche Organismus – das Myzel – lebt im Boden oder im Holz. Dort verzweigt er sich, wächst weiter und bildet bei passenden Bedingungen neue Fruchtkörper.

In einer Langzeitstudie in der Schweiz wurde untersucht, ob Abschneiden oder Herausdrehen einen Einfluss auf Wachstum und Ertrag hat.

Warum Ausschließen wichtiger ist als Erkennen

Das Ergebnis war eindeutig:
Für das Myzel macht es keinen relevanten Unterschied, ob der Fruchtkörper abgeschnitten oder vorsichtig herausgedreht wird.

Das bedeutet:
Du musst diese Entscheidung nicht aus Angst vor „Schäden“ treffen.

Dem Pilz ist es egal.


Worum es wirklich geht: Sicherheit beim Sammeln

Die eigentliche Frage ist eine andere.

Nicht:
„Was ist besser für das Myzel?“

Sondern:
„Welche Informationen brauche ich, um den Pilz sicher zu bestimmen?“

Genau hier beginnt der Unterschied zwischen unsicherem Sammeln und systematischer Bestimmung.

Viele entscheidende Merkmale sitzen an der Stielbasis:
Knollen, Scheiden, Farbverläufe oder Wurzelstrukturen.

Die 5 wichtigsten Merkmale beim Pilzbestimmen

Ein bekanntes Beispiel: Champignons und Knollenblätterpilze.
Beide können weiß sein. Beide können einen Ring haben.

Der entscheidende Unterschied liegt oft an der Basis.

Wenn du den Pilz abschneidest, fehlt dir genau diese Information.

Und dann wird aus einer klaren Entscheidung plötzlich ein Risiko.


Die einfache Regel

Solange du einen Pilz noch bestimmen musst, nimm ihn vollständig heraus.

Nur so hast du alle Merkmale, die du für eine sichere Einordnung brauchst.

Wenn du hingegen sicher weißt, was du vor dir hast, kannst du ihn problemlos abschneiden.

Nicht aus Gewohnheit.
Sondern bewusst.


Ein Punkt wird oft vergessen

Auch wenn Abschneiden oder Herausdrehen dem Myzel nicht schadet, gibt es etwas, das wirklich wichtig ist: Feuchtigkeit.

Das Myzel im Boden ist auf ein feuchtes Milieu angewiesen.
Eine offene Stelle kann schneller austrocknen – besonders bei warmem oder windigem Wetter.

Deshalb ist es sinnvoll, die Stelle nach der Entnahme wieder leicht mit Laub oder Erde zu bedecken.

Das ist kein Dogma.
Das ist einfach logisch.


Fazit

Abschneiden oder rausdrehen ist keine Glaubensfrage.
Für das Wachstum des Pilzes spielt es kaum eine Rolle.

Die entscheidende Frage lautet:
Brauchst du die Stielbasis für eine sichere Bestimmung?

Wenn ja – nimm den Pilz vollständig heraus.
Wenn nein – kannst du ihn abschneiden.

So einfach ist es.

Und genau darum geht es beim Pilzesammeln:
nicht um Rituale, sondern um Klarheit.

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